Weltwirtschaftlicher Ausblick des IWF

Oktober 2017 – Welt­wirt­schaft­licher Ausblick des Inter­na­tio­nalen Wäh­rungs­fonds (IWF) – eine Einordnung des Chefvolkswirts der HSH Nordbank, Dr. Cyrus de la Rubia

Kein Grund zu Euphorie

Hoch und höher. Der IWF hat in seinem halb­jähr­lich erscheinenden welt­wirt­schaft­lichen Aus­blick die Prognose für die Weltwirtschaft für dieses und das kommende Jahr nach oben an­ge­passt. Vor allem das Wachs­tum in der Euro­zone, in Japan und in Kanada überraschte positiv. Auch wenn man für die USA und für Großbritannien nicht mehr ganz so optimistisch ist wie im Frühjahr, bleibt unter dem Strich für die Weltwirtschaft eine robuste Wachstumszahl von 3,6 % in 2017 und eine Beschleunigung auf 3,7 % in 2018. In Deutschlands exportgetriebener Wirtschaft ist dieser globale Aufschwung ganz besonders zu spüren. Wird dies ewig so weiter gehen?

Dr. Cyrus de la Rubia

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

Gefahren für die Weltwirtschaft

Lassen Sie sich nicht blenden. So verstehen wir jedenfalls die Botschaft des IWF, der zurecht auf zahlreiche Ge­fahr­en für die glo­bale Öko­no­mie hinweist. Da ist bei­spiels­wei­se die Geld­politik. Sowohl die US-Noten­bank als auch die Euro­pä­ische Zentral­bank sind dabei, einen monetären Kurs­wechsel ein­zu­le­iten. Die Fed ist dabei schon etwas weiter als ihr Pendant aus der Euro­zone, aber beide Noten­banken stehen immer noch ziemlich weit am Anfang und verhalten sich sehr vorsichtig. Was aber passiert, wenn eine der Noten­banken diese Vor­sicht fallen lässt? Können wir zudem sicher sein, dass die lang­fris­tigen Ren­di­ten sich aus der Kontrolle der Zentral­banken befreien und nach oben schießen? Die konjunkturelle Lage könnte ganz plötzlich umschlagen. Betroffen wären besonders die in den USA sehr hoch verschuldeten Unter­neh­men mit niedriger Bonität sowie die hoch­ver­schul­de­ten Staaten aus Südeuropa.

Blick in das Auge einer Hurricanes
Zahlreiche Gefahren können die globale Ökonomie bedrohen

Geldpolitische Fehltritte könnten zudem Tur­bu­len­zen in ei­ni­gen Schwel­len­län­dern her­vor­rufen. Der IWF nennt China hier an erster Stel­le. Vor allem beklagt der Fonds, dass der bis­he­rige Wan­del des Wachs­tums­modells (weg von einem In­ves­ti­tions- und ex­port­ge­trie­ben­en Wachs­tum hin zu einer Volks­wirt­schaft, in der Konsum und Dienst­leis­tung­en eine wichtigere Rolle spielen) ins Stocken geraten ist. An­ge­sichts des über­durch­schnitt­lich hohen Ver­schul­dungs­grades von Chinas Unter­neh­mens­sektor könne es hier zu einem plötz­lichen Ab­sturz der Kon­junk­tur kommen. Keine Frage: Die ganze Welt würde eine derartige Ent­wick­lung zu spüren bekommen.

Welthandel, Industrieproduktion, Einkaufsmanagerindex Verarbeitendes Gewerbe

Gleitender 3-Monatsdurchschnitt; annualisierte prozentuale Veränderung, wenn nicht anders angegeben

World Trade, Industrial Production, and Manufacturing PMI (Three-month moving average; annualized percent change, unless noted otherwise)

Quelle: International Monetary Fund, October 2017, WORLD ECONOMIC OUTLOOK: Seeking Sustainable Growth — Short-Term Recovery, Long-Term Challenges

Niedrige Inflation treibt IWF Sorgenfalten auf die Stirn

Müssten die Löhne stärker steigen?

Sorgen macht sich der IWF darüber hinaus über die niedrige Inflation. In der Tat: Dass die Inflation in den wichtigsten Industrieländern deutlich unter 2 % bleibt, passt im Grun­de ge­nom­men nicht zu dem freund­lichen Kon­junk­tur­umfeld. Eigentlich müsste es bei einer ver­bes­ser­ten Aus­nutz­ung der Kapa­zitäten zu hö­her­en Lohnabschlüssen kommen, die dann die Inflation auch nach oben bugsieren sollten. Ei­ni­ge Markt­be­ob­ach­ter mahnen zu Geduld, die Preise werden schon steigen, man muss nur noch etwas warten – wir zählen uns zu dieser Fraktion -, andere, wie der IWF, sehen die nie­dri­ge In­fla­tion als Zei­chen für eine Fra­gi­li­tät der Er­holung. Insbesondere wird angemerkt, dass man bei einem Abschwung mit noch nie­dri­ge­ren In­fla­tio­ns­ra­ten rech­nen müsste und die Zentralbanken dann erneut mit dem Problem konfrontiert werden, dass sie den Leitzins nicht oder nur eingeschränkt unter Null Prozent senken können. Anders aus­ge­drückt: Es würde geldpolitische Munition fehlen, um die Konjunktur wieder in Gang zu bringen. Deswegen sollten die Notenbanken noch so lange wie möglich an einem expansiven Kurs festhalten.

Protektionismus als starke mögliche Gefahr für den Welthandel

Erst unter „ferner liefen“ wird aus unserer Sicht eine der wichtigsten Gefahren genannt: Pro­tek­tio­nis­mus. Die USA wird nicht ex­pli­zit er­wähnt, US-Prä­si­dent Donald Trump schon gar nicht, aber natürlich bezieht sich diese Passage auf die neue US-Handels­po­litik. Neu­ver­hand­lung von Handels­bünd­nis­sen (Nafta), Zoll­dro­hung­en gegen China und Ein­rei­se­ver­bote – all das sind Zeichen einer neuen Politik, die im Fall von radikaleren Maß­nahmen die Dynamik des Welt­handels massiv be­ein­träch­tigen wür­den.

Überblick über den Weltwirtschaftsausblick (WEO) – Projektionen

Prozentuale Veränderungen

Projections Difference from July 2017 WEO Update1 Difference from April 2017 WEO1
2016 2017 2018 2017 2018 2017 2018
World Output 3.2 3.6 3.7 0.1 0.1 0.1 0.1
 Advanced Economies 1.7 2.2 2.0 0.2 0.1 0.2 0.0
 United States 1.5 2.2 2.3 0.1 0.2 -0.1 -0.2
 Euro Area 1.8 2.1 1.9 0.2 0.2 0.4 0.3
    Germany 1.9 2.0 1.8 0.2 0.2 0.4 0.3
    France 1.2 1.6 1.8 0.1 0.1 0.2 0.2
    Italy 0.9 1.5 1.1 0.2 0.1 0.7 0.3
    Spain 3.2 3.1 2.5 0.0 0.1 0.5 0.4
 Japan2 1.0 1.5 0.7 0.2 0.1 0.3 0.1
 United Kingdom 1.8 1.7 1.5 0.0 0.0 -0.3 0.0
 Canada 1.5 3.0 2.1 0.5 0.2 1.1 0.1
 Other Advanced Economies3 2.2 2.6 2.5 0.3 0.1 0.3 0.1

 Emerging Market and Developing Economies

4.3

4.6

4.9

0.0

0.1

0.1

0.1

1Difference based on rounded figures for the current, July 2017 World Economic Outlook Update, and April 2017 World Economic Outlook forecasts.
2 Japan’s historical national accounts figures reflect a comprehensive revision by the national authorities, released in December 2016. The main revisions are the switch from the System of National Accounts 1993 to the System of National Accounts 2008 and the updating of the benchmark year from 2005 to 2011.
3 Excludes the Group of Seven (Canada, France, Germany, Italy, Japan, United Kingdom, United States) and euro area countries.

Quelle: International Monetary Fund, October 2017, WORLD ECONOMIC OUTLOOK: Seeking Sustainable Growth — Short-Term Recovery, Long-Term Challenges


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Der nächste Abschwung kommt bestimmt

In den USA scheint man sich weniger auf schlech­te Zei­ten vor­zu­be­rei­ten. In der Euro­zone passiert bereits viel.

Richtigerweise stellt der IWF fest, dass die der­zei­tige Er­holung eine Chance ist, um die Volks­wirt­schaften für schlechtere Zeiten fit und – ein neudeutsches Wort – resilient zu machen. Struk­tur­re­for­men sind hier das wich­ti­ge Stich­wort. In der Eurozone ist in dieser Beziehung schon viel geschehen und dankenswerter Weise ist Frankreich mit seinem neuen Präsidenten Emmanuel Macron dabei, unter anderem den Arbeitsmarkt umzukrempeln und mit weiteren Maßnahmen das Wachs­tums­po­ten­zial der „Grand Nation“ zu erhöhen. In den USA hin­ge­gen scheint man hingegen das Rad zu­rück­dre­hen zu wollen. Damit wird die USA verletzlicher gegenüber künftigen öko­no­misch­en Schocks.

Unter dem Strich darf man für die mittlere Frist bis 2018 optimistisch sein und sollte auch als Unternehmen die Chance nutzen, um sich für schwierigere Zeiten breit aufzustellen und Reservepolster aufzubauen. Denn der nächste Abschwung kommt bestimmt.