Nachhaltig in allen Bereichen

Haben Städte wie Hamburg, León, Dar es Salaam und Marseille etwas gemeinsam? Vier Städte, die auf drei unter­schied­lichen Kontinenten liegen, von unterschiedlichen Klimazonen und unterschiedlichen Kulturen geprägt sind? Die Antwort gab das dritte urban partnership forum vom Hamburger Abendblatt und der HSH Nordbank und sie lautet: „Alle vier Städte wollen und müssen ihr Wachstum verträglich gestalten“, so Olaf Scholz, Erster Bürgermeister in seiner Eingangsrede. Denn weltweit ziehen immer mehr Menschen in die Städte, auf der Suche nach Arbeit, Kultur und Lebensqualität. Wie dieses Wachstum nachhaltig im Sinne der Umwelt aber auch der Kultur gestaltet werden kann, darüber diskutierten Vertreter der Partnerstädte in den Räumen der HSH Nordbank.

Städtepartnerschaften haben eine lange Tradition

Stefan Ermisch spricht auf dem Urban Partnership Forum

Die Anfänge der Städtepartnerschaften reichen weit zurück bis ins 8. Jahrhundert, doch nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen Städte­part­ner­schaften eine besondere Bedeutung. Aus­geh­end von den britischen Besatzern wurden die freundschaftlichen Beziehungen gegründet, um eine gute Völkerverständigung zu er­mög­lichen. Heute werden Städtepartnerschaften vor allem zum Austausch von kulturellem und wirtschaftlichem Wissen genutzt. Mit Erfolg, wie auch das urban partnership forum zeigt. Denn die heute so aktuelle Frage, was eine lebenswerte Stadt ausmacht, eint alle teil­neh­men­den Städte, von Hamburg über Marseille bis León und Dar es Salaam. Und auch: Wie kann man das Wachstum einer Stadt nachhaltig und für die Umwelt verträglich gestalten? Mehr denn je erleben Städte heute den Zuzug von Menschen, die Arbeit und Kultur und ein lebenswertes sowie bezahlbares Umfeld suchen.

Städtewachstum beflügelt auch die Ökonomie

Städte müssen also für alle Einkommensgruppen offen sein. Um das zu bieten stößt die Stadt Hamburg gerade das größte Wohnungsbauprojekt Deutschlands an und schafft beispielsweise mit dem Quartier Mitte Altona rund 1600 neue Wohnungen. Denn „das Wachstum Hamburgs hat auch stets die Ökonomie der Stadt beflügelt“, wie Olaf Scholz betont.

Interview mit Olaf Scholz, Erster Bürgermeister Hamburg

Weshalb sind Städtepartnerschaften wichtig?

Olaf Scholz: Städtepartnerschaften haben zu unterschiedlichen Zeiten wandelnde Bedeutungen gehabt. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges war es die Idee, dass sich ehemalige Kriegsgegner persönlich kennenlernen sollten, mit der Hoffnung, dass man gegen Menschen, die man kennt, weniger leicht zu einem Krieg verführt werden kann. Die Aussöhnung über die Gräben des Krieges hinweg war insbesondere in Bezug auf St. Petersburg - das damalige Leningrad - und Marseille ein wichtiger Aspekt. Auch heute, mit den Spannungen zwischen Deutschland und Russland über die Krim und die Ukraine, ist es wichtig, dass die Menschen neben den vorhandenen Differenzen erkennen, wie viel wir gemeinsam haben und dass es wesentlich mehr verbindende als trennende Aspekte gibt.

Da Städtepartnerschaften auf Dauer angelegt sind, geben sie immer wieder den Anstoß, sich mit der anderen Kultur und der unterschiedlichen Sichtweise der Partner auseinanderzusetzen. Gerade die Unterschiedlichkeit gibt dabei immer wieder Anregungen, die eigene Position zu überdenken. Manche Probleme, die uns hier in Hamburg groß erscheinen, werden aus der Perspektive von León oder Dar es Salaam relativiert. Zwar reisen heute viele Hamburgerinnen und Hamburger in ferne Länder, aber im Austausch mit Partnern aus den Partnerstädten ist man nicht Tourist, sondern kommt in direkten persönlichen Kontakt, der viel mehr Einblicke in das Leben der anderen Stadt bietet. So wird zum wechselseitigen Verständnis erheblich beigetragen. Dies gilt besonders für den Jugendaustausch.

Wie können Städte wachsen und dabei die Nachhaltigkeit im Blick behalten?

Olaf Scholz: Auf Dauer ist ein Wachstum ohne Nachhaltigkeit nach meiner Erfahrung gar nicht möglich. Es sind nicht zwei voneinander losgelöste Themen, sondern die Nachhaltigkeit ist Voraussetzung für Wachstum. Dabei müssen wir auf allen Feldern, ökonomisch, ökologisch und sozial, daran arbeiten, z. B. den Ausstoß von Treibhausgasen, die Luftverschmutzung aber auch den Energie- und allgemein den Ressourcenverbrauch je Einwohner zu senken, Gleichstellung, Integration, Inklusion und Teilhabe zu gewährleisten und eine langfristig erfolgreiche Wirtschaftsstruktur mit zukunftsfähigen Arbeitsplätzen anzustreben. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Städte sein. Städte wachsen, weil sie für Menschen attraktiv sind. In Städten entwickeln sich mehr Arbeitsplätze, sie sind Zentren der Kultur und gerade durch die höhere Bevölkerungsdichte in vielen Bereichen heute schon nachhaltiger aufgrund des geringeren Energie-, Flächen- und Ressourceneinsatzes pro Einwohner. Wir müssen alle daran arbeiten, Städte von Orten der Probleme zu Laboren der Problemlösung, von Kreativität, Innovation und zukunftsfähiger Entwicklung zu machen. Da sind wir in Hamburg auf einem guten Weg.

Den neuen Orientierungsrahmen dafür haben im September 2015 die Vereinten Nationen mit der sogenannten „Agenda 2030“ mit 17 Zielen, den Sustainable Development Goals (SDGs), und 169 Unterzielen gesetzt. Damit haben wir einen global gültigen Kompass, um allen Menschen ein gutes Leben in Würde zu ermöglichen, ohne dabei unseren Planeten zu zerstören – heute und in Zukunft. Dies gilt für alle Staaten dieser Welt – auch die Industrienationen. Den Städten wird damit eine zentrale Schlüsselrolle für eine zukunftsfähige Entwicklung weltweit zugewiesen. Auch Hamburg stellt sich seiner Verantwortung zur Umsetzung der SDGs. Wir erarbeiten gerade in einer behördenübergreifenden Arbeitsgruppe Rahmenbedingungen und Schwerpunkte unseres Engagements.

Was bedeutet Nachhaltigkeit im Hinblick auf Bauen und Verkehr?

Olaf Scholz: Wir sind dabei mit energieeffizienten Gebäuden, dem Ziel, ab 2020 nur noch emissionsfreie Busse anzuschaffen, und einer großen Zahl von „smarten“ Lösungen auf gutem Weg und tauschen uns darüber auch mit Partnerstädten, aber auch weiteren Partnern wie z. B. Kopenhagen aus. In der HafenCity und anderen Bauvorhaben in Hamburg wird darauf geachtet, möglichst energieeffiziente Häuser zu bauen.

Nachhaltigkeit beim Thema Bauen und Verkehr hat für uns insbesondere eine soziale Komponente. Es geht darum, soziale Wohnungsbaupolitik, nachhaltige Verkehrssysteme und Stadtentwicklung, Senkung der Umweltbelastungen und die Versorgung mit öffentlichen Grünflächen miteinander zu verbinden. Wir wollen allen den Zugang zu angemessenem, sicherem und bezahlbarem Wohnraum ermöglichen und ein sicheres, bezahlbares und nachhaltiges Verkehrssystem mit einem gut ausgebauten ÖPNV. Und wir wollen den Fuß- und Radverkehr in der Stadt fördern. Diese Ziele sind übrigens auch Bestandteil der Agenda 2030. Auch da begreifen wir unsere Stadt als „Motor für Transformation“.

Inwieweit ist das Bewusstsein der Bewohnerinnen und Bewohner der Städte für Nachhaltigkeit wichtig?

Olaf Scholz: Wie bei den meisten Themen kann und sollte eine wohlberatene Regierung sie nicht gegen die eigenen Bürger durchsetzen. Gerade bei den Fragen der Nachhaltigkeit kommt es darauf an, dass jede und jeder Einzelne dazu beiträgt. Nachhaltige Entwicklung braucht das Engagement aller, sie geht über die Möglichkeiten staatlicher Verantwortung hinaus. Es ist unsere Aufgabe und unser Ziel, alle einzubinden. Diese Forderung zieht sich übrigens mit den Worten „Leave no one behind“ als Grundsatz durch die gesamte Agenda 2030. Es wird auch für uns darauf ankommen, alle, auch benachteiligte Menschen und Bevölkerungsgruppen, zu erreichen und einzubinden.

Nachhaltiges Bewusstsein muss sich in konkreten Verhaltensänderungen, in kleinen Schritten und im Ausprobieren neuer Wege zeigen, sonst ist es nur eine aufgesetzte Fassade. In der Summe sind viele kleine Umstellungen, die jeweils nur einen kleinen Beitrag zur Ressourcenschonung, zur Verminderung von Treibhausgasen etc. leisten, die wichtigste Quelle für den Gesamterfolg. Muss man den privaten Pkw nehmen oder kann das Ziel auch mit Fahrrad oder dem ÖPNV fast genauso gut erreicht werden? Muss das Licht weiter brennen, wenn wir ein Zimmer verlassen? Dies und ähnliche kleine Verhaltensänderungen können in der Summe viel bewirken.

Wir können die Bürgerinnen und Bürger erreichen, wenn wir als Stadt selbst glaubwürdig sind und mit gutem Beispiel vorangehen. Mit der umweltverträglichen und nachhaltigen Beschaffung, unserem eigenen Fuhrpark, unserem Engagement als Fair-Trade-Stadt setzen wir gute und sichtbare Akzente. Mit diesen setzen wir übrigens auch für die Hamburger Wirtschaft Impulse.

Gibt es konkrete Beispiele, wie Hamburg von anderen Städten lernt?

Olaf Scholz: Bei vielen EU-Projekten ist genau dies das Hauptziel. Kopenhagen ist zum Beispiel beim Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur weiter. Bei meinem Besuch in Singapur habe ich im vergangenen Jahr für uns ungewöhnliche Lösungen mit Industriebetrieben in mehrstöckigen Gebäuden, bei denen auch die höheren Stockwerke durch LKW erreicht werden konnten, gesehen. Sicher sind nicht alle Lösungen auch für alle Städte geeignet, aber die Herausforderung, mit begrenztem Raum möglichst gut zu planen, teilen wir mit fast allen. In manchen Fällen können wir aber auch Bescheidenheit lernen. Wenn wir sehen, mit welch geringen Mitteln in León oder Dar es Salaam schon viel für die Menschen und die Umwelt erreicht werden kann, wird uns das hohe Niveau, auf dem wir über manches klagen, erst richtig bewusst.

Haben andere Partnerstädte Anregungen von Hamburg aufgenommen?

Olaf Scholz: Gerade im Austausch der Feuerwehren und bei der Abfallbehandlung sind viele Erfahrungen aus Hamburg für León und Dar es Salaam nutzbar gemacht worden. So wurde in León eine neue Feuerwache gebaut, und in Dar es Salaam wird an einem Projekt zur Kompostierung von organischen Abfällen mit Hamburger Unterstützung gearbeitet. Hamburg Wasser hat über mehrere Jahre den Wasserversorger von Dar es Salaam bei einer effizienteren Organisation beraten. In unserer langjährigen Partnerschaft mit St. Petersburg tauschen wir uns unter anderem regelmäßig zu „Bildung für Nachhaltigkeit“ aus. Dort konnten wir im schulischen und universitären Bereich als mehrfach ausgezeichnete „Stadt der Weltdekade“ Impulse setzen. In der Planungsphase befindet sich als weiteres Projekt die „Umweltpartnerschaft Hamburg – Mexiko“ der Behörde für Umwelt und Energie. Hier setzen Partner aus Mexiko mit Unterstützung ihrer Spiegelinstitution aus Hamburg beispielhafte, praxisbezogene Maßnahmen zur nachhaltigen Stadtentwicklung in Mexiko um.

Welche Bedeutung hat Kultur für eine nachhaltige Entwicklung?

Olaf Scholz: Kultur ist ja nicht nur künstlerische Hochkultur in Musik, Malerei, Bildhauerei und ähnlichen Disziplinen, sondern Kultur ist auch die Art und Weise, wie wir leben. Dabei spielt die Nachhaltigkeit eine zunehmend größere Rolle. Manche sehen neben den klassischen drei Säulen der Nachhaltigkeit (Ökonomie, Ökologie und Soziales) Kultur als vierte Säule an. Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger erreichen, ihre Einstellungen und ihr alltägliches Verhalten. Für diesen Zugang zum „mal was Neues ausprobieren“ spielt Kultur, nicht nur die Hochkultur, sondern auch unsere Alltagskultur, eine ganz entscheidende Rolle. Da können es dann auch der von Berufsschülern komponierte Rapsong zum Ressourcensparen, der Poetry-Science-Slam-Wettbewerb im Uebel&Gefährlich oder die altonale mit nachhaltigen Konzepten wie die Fahrradgarderobe oder die Komposttoilette sein.

Und die Bürger Hamburgs wollen mitreden. Eine starke Tradition hat hier die demokratische Partizipation. Das wird in anderen Ländern vielleicht anders umgesetzt und angegangen, doch auch in Hamburgs Partnerstädten wird das Mitspracherecht genutzt. Karla Luzette Beteta Brenes, Botschafterin von Nicaragua in Berlin sagt: „Die Bürger in León sind sehr aktiv.“ Dies auch wenn die Probleme hinsichtlich Umweltschutz und Nachhaltigkeit doch anders sind. „Unser Ziel ist die Armutsbekämpfung“, so Beteta, „das Land ist sehr abhängig von der Land­wirt­schaft.“ So müssten die Kaffeebauern aufgrund der stetig steigenden Temperaturen immer höher in die Berge, um den Kaffee anzubauen. Allein, so hoch sind die Berge nicht. Die Alternative könne im Anbau von Kakao liegen, dafür müssten die Bauern allerdings umgeschult werden. Das Städtepartnerschaften auch die Beziehungen der Menschen untereinander vertiefen, zeigt die Restcent-Aktion von Hamburg Wasser: Rund 26.400 Bedienstete der Stadt Hamburg spenden jeden Monat den Centbetrag ihres Gehalts, damit in der Partnerstadt León sanitäre Anschlüsse gelegt werden können. Ein Austausch, der sogar zu persönlichen Beziehungen und Eheschließungen geführt hat und so weit mehr ist, als eine Partnerschaft nur zwischen Städten.

Denkmalschutz: Altes bewahren und sinnvoll modernisieren

Dar es Salaam
Dar es Salaam (© Getty Images)

In Dar es Salaam, der größten Stadt von Tan­sa­nia, sieht man sich in Sachen Denk­mal­schutz und klimaverträglichem Bauen vor großen Herausforderungen, wie Architekt Jens Roh­wedder, Lehrbeauftragter an der dortigen Uni­versität, erklärt: „Die Gebäude der Ko­lo­ni­al­zeit sind ideal gebaut für das tropische Klima, sie kommen ohne Klimaanlage aus.“ Und doch kann es passieren, dass die Häuser in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen werden.

Die Erhaltung denkmalgeschützter Gebäude bei gleichzeitiger kulturell wertvoller Mo­der­ni­sie­rung hat in Marseille gut funktioniert, wie Joachim Umlauf, Leiter des dort ansässigen Goethe Instituts berichten konnte. Eine ehe­mals staatliche Tabakfabrik wurde so umgebaut, dass sie heute Kulturzentren und Theater beherbergt. Auf dem Dach können Veranstaltungen mit mehreren tausend Menschen, mit Blick auf das Mittelmeer, gefeiert werden.

Nachhaltigkeit auch in Hinblick auf die Lebensqualität einer Stadt

Ein gutes Beispiel für eine sinnvolle sowie nachhaltige Entwicklung. Denn darum geht es bei der Nach­haltigkeit, wie auch Christoph Holstein, Staatsrat der Behörde für Inneres und Sport in Hamburg im Interview sagt: „Nachhaltigkeit ist wichtig für eine wachsende Stadt wie Hamburg, wo Menschen hinkommen, weil sie ein gutes Leben haben wollen. Deshalb ist es wichtig, diese Möglichkeit zu bieten, ohne, dass die Lebensqualität verloren geht. Es geht um langfristiges Denken, denn alles, was wir heute machen, betrifft auch die nachfolgenden Ge­ne­ra­tionen.“ Für Hamburg heißt das unter anderem: energieffizientes Bauen und die Luftverschmutzung senken, in dem ab 2020 nur noch emissionsfreie Busse durch die Hansestadt fahren.

„Es geht um langfristiges Denken, denn alles, was wir heute machen, betrifft auch die nachfolgenden Generationen.“

Christoph Holstein, Staatsrat Inneres und Sport

Eine Herausforderung, die alle Städte eint. Worte dafür, wie wichtig ein Forum ist, dass Gemeinsamkeiten und einen partnerschaftlichen Austausch betont, fand der Gastgeber, HSH Nordbank Vorstandschef Stefan Ermisch bereits in seinen Begrüßungsworten: "Kooperation über Grenzen hinweg ist in Zeiten, in denen der Na­tio­na­lis­mus an Oberwasser gewinnt, wichtiger denn je."

Das urban partnership forum

Seit 2015 laden das Hamburger Abendblatt und die HSH Nordbank einmal pro Jahr jeweils drei Partnerstädte Hamburgs zum Austausch ein. In diesem Jahr waren Marseille, Dar es Salaam und León zu Gast. Ziel der Gesprächsreihe ist ein inhaltlicher Austausch und die In­ten­si­vie­rung der internationalen Beziehungen Ham­burgs mit den Partnerstädten. Im Fokus stehen dabei der Erfahrungsaustausch und gegenseitige Learnings. Die Hansestadt Hamburg hat Städtepartnerschaften mit Chicago, Shanghai, Osaka, Prag, Dresden, St. Petersburg, Dar es Salaam León und Marseille.