Erneuerbare Energien: Rückkehr zum Realismus?

September 2017 – Vor 30 Jahren wurde im Kaiser-Wilhelm-Koog bei Marne die Geburtsstunde der Onshore-Windenergie in Deutschland gefeiert. Seitdem ist ihr Wachstum ungebrochen: Im ersten Halbjahr 2017 stieg der Zuwachs bei Windenergie-Anlagen (WEA) an Land um 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum an. Es wurden 790 WEA mit einer Gesamtleistung von 2.281 Megawatt (MW) gebaut.

Wurden die Windräder in den 80iger Jahren von vielen noch als exotische Spinnerei belächelt, so ist die Windenergie heute ein anerkannter und wichtiger Wirtschaftszweig. An Land und auf See hat sie einen Anteil von rund 12 Prozent an der gesamten Stromerzeugung in Deutschland. Wie entwickelt sich das weitere Wachstum? Was sind die Hemmnisse? Darüber werden sich Experten aus Wirtschaft und Industrie auf der „Husum Wind“ austauschen. Vom 12. bis zum 15. September erwarten die rund 650 Aussteller bei der größten Leitmesse der Branche etwa 18.000 Besucher.

Interview mit Lars Quandel, Abteilungsleiter Energie & Infrastruktur der HSH Nordbank AG

Lars Quandel, Leitung Energie & Infrastruktur der HSH Nordbank AG
Lars Quandel, Leitung Energie & Infrastruktur der HSH Nordbank AG

Die Ausschreibungen für Windenergie an Land stoßen in der Branche auf heftige Kritik. Projektierer und Hersteller bemängeln Unsicherheiten bei den Ausbaumengen. Zu Recht?

Lars Quandel: Ja, absolut zu recht. Die Hersteller und Entwickler machen sich große Sorgen, weil der Bau der bezuschlagten Projekte noch sehr lange auf sich warten lassen kann und der Bau dieser Projekte an sich unsicher ist. Sehr viele Bürger-Energieprojekte haben in den ersten beiden Ausschreibungsrunden Zuschläge bekommen. Bürger-Energieprojekte benötigen zur Teilnahme an den Ausschreibungen keine BIMSch Genehmigung. Diese ist aber später Voraussetzung für den Bau des Projektes. Zudem haben Bürger-Energieprojekte bis zu viereinhalb Jahre Zeit, um gebaut zu werden. Von daher kann es gut sein, dass sich der Ausbau der Windenergie in Deutschland deutlich verzögert und ggf. gar nicht in dem von der Politik gewünschten Ausmaß stattfindet.

Wird das Wachstum auf dem deutschen Markt weiter anhalten, oder ist mit einer Dämpfung zu rechnen?

Lars Quandel: Für 2017 und 2018 ist weiterhin von großen Zubaumengen auszugehen, da werden wir an die vergangenen Jahre anknüpfen. Für die Jahre danach, ab 2019, 2020, wird es zu einer Delle kommen, weil in den vergangenen Ausschreibungen vor allem Bürgerenergie-Projekte gewonnen haben, die mehr als vier Jahre Zeit haben, ihre Projekte umzusetzen.

Die Höhe der Zuschlagspreise in den Auktionen geht deutlich zurück, in Offshore und auch Onshore. Was sind die Erwartungen der Bieter, die gewonnen haben?

Lars Quandel: Die Bieter erwarten zwei Dinge: Große technische Fortschritte, das heißt, dass die Anlagen effizienter werden und damit die Kilowattstunde Strom günstiger produziert werden kann. Zum anderen steigende Strompreise. Bei Offshore-Ausschreibungen, die zu null Cent gewonnen wurden, muss davon ausgegangen werden, dass die Strompreise höher sind als heute, damit sich diese Projekte für den Investor rechnen.

Ist es nicht positiv, dass die Förderung zurückgeht?

Lars Quandel: Absolut, das kommt der Branche mittelfristig deutlich entgegen und wird dem Image helfen, weil die Förderung, wenn sie kleiner wird, positiv für den Verbraucher ist und ihn entlastet. Wenn immer weniger gezahlt werden muss für Erneuerbare Energien, fördert das ihr positives Image. Mittelfristig sollte es das Ziel der Branche sein, ohne Förderung auszukommen. Es ist allerdings wichtig, bei diesem Übergang den richtigen Zeitplan zu wählen, damit alle Beteiligten diese veränderten Rahmenbedingungen auch umsetzen können.

Welche Auswirkungen haben die geringen Zuschläge auf die Projekte?

Lars Quandel: Dadurch entsteht Druck auf alle Preiskomponenten der Gestehung eines Parks. Das heißt, jeder, der damit zu tun hat, ob wir als Finanzierer, die Hersteller, oder die Zulieferer, muss sich überlegen, ob die Produkte günstiger angeboten werden können. Durch die niedrigeren Vergütungen wird die Gesamtvergütung eines Projektes sinken. So kann man davon ausgehen, dass etwa 30 bis 40 Prozent weniger Cash flow in einem Projekt zur Verfügung steht, wenn man die Vergütung des alten EEG 2014 mit den Zuschlägen aus der 2. Ausschreibung des neuen EEG vergleicht.

Wie passen die Ergebnisse der Ausschreibungen zum Ausbauplan der Regierung?

Lars Quandel: Auf den ersten Blick sehen die Ergebnisse der ersten beiden Ausschreibungen ganz gut aus. Es wurde die gesamte Kapazität vergeben. Allerdings ist wie bereits erwähnt nicht zu erwarten, dass alle Projekte, die einen Zuschlag bekommen haben, gebaut werden. Es passt nicht zum Pariser Abkommen, wonach 2050 fast 100 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren Energien stammen müsste. Der politische Plan der deutschen Regierung, bis dahin 80 Prozent zu schaffen, ist auch nicht zu halten. Mit dem im EEG 2017 verabschiedeten jährlichen Ausbau von 2,5 GW Windenergie netto werden wir nur rund 60 Prozent in Deutschland erreichen.

Welche Auswirkungen hat die Entwicklung auf die Anlagenhersteller und andere Marktteilnehmer?

Lars Quandel: Es besteht enormer Druck durch die Ausschreibungen und die Vergütungen, die erzielt wurden, insbesondere auf die Hersteller, ihre Preise zu reduzieren. Das ist die größte Kostenkomponente und da ist wahrscheinlich auch die meiste Luft. Gleichzeitig sind die Margen auch nicht so groß, dass die Preisreduzierungen komplett bei den Herstellern umgesetzt werden können. Zudem werden sich die Beteiligten aus der Branche stärker in Richtung Ausland umschauen. So hat aufgrund des zu erwartenden niedrigeren Ausbaus der Windenergie in Deutschland der Export von Windkraftanlagen eine immer bedeutendere Rolle für die deutschen Hersteller.

Welche Anpassungen sind notwendig beziehungsweise sinnvoll?

Lars Quandel: Um den Ausbau der EE zu fördern, sollte man überlegen, ob man nicht bestimmte Dinge wieder ändert im EEG. So könnte man die Deckelung der verschiedenen Sektoren aufheben, man könnte sich die de minims-Regelung anschauen, die in Frankreich umgesetzt wurde. Wenn man sie kopieren würde, würde kaum noch ein Projekt in die Ausschreibung gehen, was politisch nicht gewollt ist, aber man könnte sie in Teilen übernehmen, z.B. max. drei Anlagen mit maximal neun MW.

Auch die Probleme der Stromspeicherung sind immer noch nicht gelöst. Was ist hier zu tun?

Lars Quandel: Es geht darum, eine stärkere Sektorkopplung darzustellen. Speicher sind dabei ein Medium, aber gleichzeitig müssten wir die Produktion, den Verbrauch und den Transport mehr in Einklang bringen.

Bleiben Projekte der Erneuerbaren Energien auch künftig für Investoren interessant?

Lars Quandel: Ja, auf jeden Fall, für institutionelle Investoren, aber auch für andere Investoren-Gruppen. Es sind hier in einem Umfeld aus erprobter Technik und der Sicherstellung der Grundversorgung mit Elektrizität weiterhin attraktive Renditen zu verdienen.

Wie passt die Entwicklung in Deutschland in den internationalen Kontext?

Lars Quandel: Wir haben in Deutschland tolle Fortschritte beim Ausbau der Erneuerbaren Energien gemacht. Wir werden weiterhin ausbauen, sind insofern Vorreiter im internationalen Kontext. Wir sehen jedoch, dass der Zubau in Deutschland tendenziell abnehmen und in anderen Ländern stärker zunehmen wird. Die Förderhöhe in Deutschland passt sich aktuell gerade an die Niveaus anderer Länder an. So sind Vergütungen bzw. zu erzielende Preise auf dem Niveau der 2. Ausschreibung in anderen Ländern bereits heute die Regel.

Auch bei der Dekoration spielten Windräder auf der HUSUM Wind 2017 eine große Rolle.
Auch bei der Dekoration spielten Windräder auf der HUSUM Wind 2017 eine große Rolle.

Beim Klimaschutz geht Deutschland weltweit voran. Erneuerbare Energien wie Wind und Sonne liefern hierzulande inzwischen rund ein Drittel des Stroms. Doch der Ausbau der Erneuerbaren stößt an ökonomische Grenzen. Mehr marktwirtschaftliche Anreize sind daher dringend notwendig. Mit dieser Sicht befindet sich Lars Quandel, Abteilungsleiter Energie & Infrastruktur bei der HSH Nordbank, in prominenter Gesellschaft.

Selbst der „Terminator“ war voll des Lobes: „Deutschland leistet gerade Grandioses“, schwärmte Kaliforniens früherer Gouverneur und Ex-Schauspieler Arnold Schwarzenegger, als er vor einigen Jahren vom „Manager Magazin“ auf die deutsche Energiewende angesprochen wurde. „Das Land weiß, wohin es will, und hat eine Vision“, sagte Schwarzenegger. Und der frühere "Mister Universum" muss es wissen, gilt doch sein US-Bundesstaat als umweltpolitischer Vorreiter Nummer eins.

Diese ambitionierte Vision gibt es auch heute noch. Im Koalitionsvertrag der aktuellen Großen Koalition ist das Ziel notiert, die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 massiv zu senken: „In Deutschland wollen wir die weiteren Reduktionsschritte bis zum Zielwert von 80 bis 95 Prozent im Jahr 2050 festschreiben.“ Mit einem langen Programmkatalog will Deutschland seinen Teil der Klimaschutzziele erreichen, die im Dezember 2015 beim UN-Klimagipfel in Paris beschlossen worden waren. Bis auf Syrien, Nicaragua und – nach dem jüngsten Veto von US-Präsident Donald Trump – auch die Vereinigten Staaten hat faktisch jedes Land auf der Erde zugestimmt, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Werten zu begrenzen. Keine Nation schreitet dabei gefühlt so entschlossen voran wie Deutschland.

Nachholbedarf im Wärme- und Verkehrssektor

Die Herausforderungen fangen in der Praxis an.
Die Herausforderungen fangen in der Praxis an.

Doch wie immer fangen die Herausforderungen erst in der Praxis an. Selbst im Energiewende-Vorzeigeland Deutschland spielen die Erneuerbaren immer noch eine vergleichsweise kleine Rolle. Zwar besteht der Strom, der aus hiesigen Steckdosen kommt, inzwischen zu rund einem Drittel aus Ökostrom. Aber selbst wenn die Deutschen nun komplett und ohne Ausnahmen auf Ökostrom aus Wind- oder Fotovoltaikanlagen umstiegen, würde das den Ausstoß des klimaschädigenden Kohlendioxids um gerade mal ein Fünftel der notwendigen Menge senken. Abgesehen vom Stromsektor sind Wind, Sonne oder Biomasse hierzulande noch abgeschlagen: Im Wärmebereich kamen die Erneuerbaren 2016 auf einen Anteil von 13,4 Prozent. Biokraftstoffe und erneuerbarer Strom im Verkehr steuerten im vergangenen Jahr gerade 5,1 Prozent des gesamten Strom- und Kraftstoffbedarfs im Verkehrsbereich zu, meldete das Umweltbundesamt. Beim Primärenergieverbrauch kamen die Erneuerbaren 2016 erst auf einen Anteil von 12,6 Prozent.

Vor allem der Wärme- und der Verkehrssektor sind für die Hauptmengen an Kohlendioxid verantwortlich. Daher dürfte das kurzfristige Klimaschutzziel der Bundesregierung, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, „mit großer Wahrscheinlichkeit verfehlt werden“, hieß es im jüngsten „Monitoring-Bericht“ zur Energiewende, den eine unabhängige Expertenkommission jährlich im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erstellt. Die Treibhausgasemissionen Deutschlands würden seit 2009 stagnieren – und das trotz des Baus von rund 27.000 Windenergieanlagen und 1,6 Millionen Solaranlagen bis Ende 2016.

Mit dem gleichzeitig beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft und den fossilen Energien hat sich Deutschland eine ökonomisch wie ökologisch äußerst ambitionierte Aufgabe gestellt. Mittlerweile ist klar geworden, dass nicht alles, was wünschenswert ist, auch zugleich bezahlbar oder gar sinnvoll ist. „Für den raschen Wechsel fehlten entscheidende Voraussetzungen, insbesondere bezüglich dringend benötigter, leistungsfähiger Speichertechnologie für Elektrizität. Für Schwerindustrie, Wärmemarkt und Mobilität fehlen bis heute überzeugende Lösungen ganz. Teilweise halten wir heute zwei Infrastrukturen vor. Das belastet die Bürger, aber ebenso die Industrie“, kritisiert Professor Dr. Franz-Josef Radermacher, Forscher an der Universität Ulm und als Mitglied des Club of Rome ein strenger Warner vor den Folgen des weltweiten Klimawandels.

Die Richtung ist klar: mehr Marktwirtschaft

„Änderungen an der Integration der Erneuerbaren Energien sind unabdingbar“, ist Lars Quandel, Abteilungsleiter Energie & Infrastruktur, hier auf der HUSUM Wind 2017 überzeugt.
„Änderungen an der Integration der Erneuerbaren Energien sind unabdingbar“, ist Lars Quandel, Abteilungsleiter Energie & Infrastruktur, hier auf der HUSUM Wind 2017 überzeugt.

Was Kritiker wie Radermacher einfordern, ist mehr energiepolitischer und ökonomischer Realismus, damit die Energiewende letztlich zum Erfolg wird. „Allein die Subvention der Fotovoltaik in Deutschland hat nach unseren Berechnungen mehr als 110 Milliarden Euro an Zahlungsverpflichtungen nach sich gezogen – bislang. Zur EEG-Umlage kommen die immensen Kosten für den Netzausbau und weitere Kosten. Damit erscheint Peter Altmeiers berühmte Kostenschätzung aus seiner Zeit als Umweltminister von einer Billion Euro Kosten am Ende leider realistisch“, sagt Manuel Frondel. Er ist außerplanmäßiger Professor für Energieökonomik und angewandte Ökonometrie an der Ruhr-Universität Bochum und Leiter des Kompetenzbereiches „Umwelt und Ressourcen“ am RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e.V. in Essen.

Änderungen an der Integration der Erneuerbaren Energien hält auch Lars Quandel, Abteilungsleiter Energie & Infrastruktur bei der HSH Nordbank, für unabdingbar, gerade damit die Energiewende auf Erfolgskurs bleibt. Die Zukunft von Wind- und Sonnenenergie liegt nach Jahren des politisch gewollten, subventionierten Anschiebens damit eindeutig in: mehr Marktwirtschaft. Die Auktionen für On- und Offshore-Windanlagen sind hier ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung.