Chancen der Privatisierung

Oktober 2017 – Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank im Interview mit der WirtschaftsWoche zu Chancen der Privatisierung, Vorzügen von Finanzinvestoren und zu Schiffskrediten.

Herr Ermisch, bald entscheidet sich das Schicksal der HSH Nordbank. Wie nervös sind Sie?
Stefan Ermisch: Ich habe ein gutes Gefühl. Wie das Ergebnis am Ende genau aussieht, kann ich nicht sagen, aber alle Signale und der aktuelle Zustand der Bank sind ermutigend.

In der Branche gibt es immer noch Zweifel daran, dass mögliche Käufer ausreichend substanzielle verbindliche Gebote für die Bank abgeben.
Stefan Ermisch: Wir sind heute ganz nah an einer ökonomisch sinnvollen Lösung. Deshalb erwarte ich keine Abwicklung, sondern eine erfolgreiche Privatisierung. Der Weg ist nicht immer einfach gewesen, und viele waren sehr skeptisch. Wir haben aber in den vergangenen zwei Jahren konzentriert gearbeitet und operativ geliefert.

„Alle Signale und der aktuelle Zustand der Bank sind ermutigend.“

Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank

Die Verhandlungen führen Ihre Eigentümer. Was bekommen Sie davon mit?
Stefan Ermisch: Wenn es um das operative Geschäft, die Kapitalstruktur und die künftige Strategie der Bank geht, ist ihr Topmanagement direkt gefragt. Das sind intensive Gespräche. Sie laufen konstruktiv, oft sehr detailliert und so zukunftsorientiert, dass ich gute Chancen für das Gelingen des Verkaufs sehe.

Stefan Ermisch

Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank

Mit wie vielen Angeboten rechnen Sie?
Stefan Ermisch: Es gibt eine Reihe starker Interessenten, von denen ich mir starke Angebote wünsche.

Angeblich wollen drei oder vier Finanzinvestoren konkrete Gebote abgeben.
Stefan Ermisch: Wenn Sie das sagen ....

Die dürften kurzfristige Ziele haben und vor allem an der Verwertung der Vermögenswerte der HSH Nordbank interessiert sein.
Stefan Ermisch: Vorsicht, das sehe ich ganz anders. Finanzinvestoren haben sehr wohl strategische Ziele. Und einige haben bereits bewiesen, dass sie als stabile Aktionäre für langfristigen Erfolg einer Bank stehen.

Sie meinen den US-Investor Cerberus, der die österreichische Bawag saniert hat, bei der Commerzbank eingestiegen ist und an der HSH Nordbank interessiert sein soll?
Stefan Ermisch: Die Bawag ist sicher eins von mehreren guten Beispielen. Falls Sie konkrete Namen oder Details von Bietern hören möchten, muss ich Sie um Geduld bitten.

Ursprünglich hatten Sie erwartet, dass sich auch strategische Käufer, etwa aus Asien, für die Bank interessieren. Ist es ein schlechtes Zeichen, dass es die nicht gibt?
Stefan Ermisch: Ein Finanzinvestor könnte aktuell genau der richtige Eigentümer für die HSH Nordbank sein. Die Bank gehört bisher öffentlich-rechtlichen Eigentümern, und wenn sie nun privatisiert wird, ist das nicht nur für die Bank, sondern für die ganze Branche eine gewaltige Veränderung. Ich rechne damit, dass die HSH Nordbank das erste, aber nicht das letzte Institut ist, das diesen Weg geht. Gerade in Phasen des Umbruchs haben sich Finanzinvestoren weltweit oft engagiert und als Katalysatoren für die Konsolidierung einer Branche gewirkt.

Eine Konsolidierung hat in Deutschland bisher kaum stattgefunden und ist auch nicht absehbar.
Stefan Ermisch: Die Strukturen des deutschen Bankenmarkts sind aufgrund der politischen Gegebenheiten sehr festgefahren. Gerade die öffentlich-rechtlichen Eigentümer der Landesbanken...

... also Bundesländer und Sparkassen ...
Stefan Ermisch: ... sind in ihrer Handlungsfähigkeit durch die europäische Gesetzgebung eingeschränkt. Für sie ist es zum Beispiel schwer, ihre Banken mit frischem Kapital auszustatten, weil wir hier sofort beim Thema Beihilfe sind. Um Blockaden zu lösen, braucht es manchmal etwas Zwang von außen, wie es ihn mit den Vorgaben der EU zur Privatisierung der HSH Nordbank gibt. Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, an deren Ende der Bankenmarkt ganz anders aussehen kann als heute.

„Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, an deren Ende der Bankenmarkt ganz anders aussehen kann als heute.“

Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank

Wäre eine Fusion mit der Nord/LB in Hannover nicht immer noch die sinnvollste Lösung?
Stefan Ermisch: Die Frage ist ebenso hypothetisch wie politisch. Was in diesem Raum sinnvoll ist, habe ich nicht zu beurteilen.

Die Aufsicht hat den Verkauf von Banken an Finanzinvestoren meistens skeptisch gesehen und mitunter über Monate blockiert. Erwarten Sie Probleme?
Stefan Ermisch: In vielen Ländern Europas werden unter der Aufsicht der EZB derzeit Banken saniert, restrukturiert oder verkauft. Und sehr oft sind Investoren an diesen Prozessen beteiligt. Sicher ist jeder Fall anders, aber grundsätzliche Probleme sehe ich allerdings nicht.

Die Entscheidung der EU-Kommission erlaubt auch den Verkauf der HSH Nordbank in Teilen. Erwarten Sie, dass mögliche Käufer für die gesamte Bank bieten werden?
Stefan Ermisch: Ja, ich rechne heute mit Offerten für die gesamte Bank. Unsere Kernbank entwickelt sich außergewöhnlich gut. In ihr ist das zukunftsfähige Geschäft der HSH Nordbank gebündelt. Sie finanziert vor allem Unternehmen, Gewerbeimmobilien und in geringem Umfang auch den maritimen Sektor. Die Kernbank steht ordentlich da, ist profitabel und gut kapitalisiert. Zudem haben sich die Altlasten aus den Jahren 2004 bis 2009 in der Abbaubank schneller als erwartet reduziert.

Damals hatte die Bank massenweise Schiffe finanziert, deren Eigentümer die Kredite nicht mehr bezahlen können.
Stefan Ermisch: Die Fehler gehören zur traurigen Vergangenheit der damaligen Landesbank. Es war eine Herkulesaufgabe, diese Altlasten konsequent abzubauen.

Trotzdem wird kein Bewerber diese Altlasten freiwillig übernehmen wollen. Das wäre viel zu riskant.
Stefan Ermisch: Da bekommen wir ein anderes Feedback von den Investoren. Wir gehen davon aus, dass die Summe der notleidenden Engagements in der Abbaubank bis Ende 2018 auf 3,8 Milliarden Euro fällt. Und davon haben wir die Hälfte bereits wertberichtigt. Das Risiko für einen Käufer beträgt also weniger als zwei Milliarden Euro. Die Altlasten sind beherrschbar.

Müssen die Bundesländer als Eigentümer also keinen weiteren finanziellen Beitrag leisten, damit der Verkauf klappt?
Stefan Ermisch: Das müssen Käufer und Verkäufer klären. Den Vertrag schließt ja nicht die Bank. Die Kapitalbasis der Bank ist so stabil, dass sie die Lasten der Vergangenheit tragen und ein neuer Eigentümer nach vorne schauen kann.

Der Blick wäre noch befreiter, wenn noch mehr faule Kredite aus den Büchern der Bank in die bereits installierte Bad Bank der Länder transferiert würden.
Stefan Ermisch: Das wäre theoretisch zwar denkbar, ist aber nicht vorgesehen.

Sie loben Ihre Kernbank. Die hat ihren Gewinn zuletzt gesteigert, weil stille Reserven gehoben wurden.
Stefan Ermisch: Wie andere Banken auch haben wir in den vergangenen Jahren stille Reserven gehoben. Das ist angesichts des Umfelds nicht verwunderlich. Doch auch ohne diese Effekte haben wir operativ zugelegt und sind profitabler geworden.

Die Niedrigzinsen haben die Überschüsse im Kundengeschäft aber deutlich reduziert.
Stefan Ermisch: Ich behaupte nicht, dass die HSH Nordbank bis in die letzte Faser optimiert ist, aber sie hat ein klares Geschäftsmodell sowie Prozesse und Kosten im Griff. Wir sind sicher effizienter organisiert als mancher Wettbewerber.

Das sind trotzdem etwas vage Perspektiven für einen Käufer.
Stefan Ermisch: Keineswegs, die Bank kann und wird sich aus eigener Kraft entwickeln. Wenn wir zudem davon ausgehen, dass die Zinsen in Europa in absehbarer Zeit steigen, wird das gesamte Bankgeschäft auch wieder rentabler. Und wenn wir dann noch mit Zusammenschlüssen in der Branche rechnen, sind die Perspektiven schon ziemlich attraktiv.

Bei der Finanzierung von Unternehmen und Gewerbeimmobilien haben Sie das Geschäft deutlich ausgebaut. Das ist angesichts der drohenden Abwicklung sicher nicht einfach. Haben Sie die Kunden mit besonders günstigen Krediten gelockt?
Stefan Ermisch: Nein. Wir sind Gegenwind gewohnt, vergeben deshalb aber keine günstigeren oder riskanteren Kredite. Im Gegenteil: Wir sind eine von ganz wenigen Banken, die ihre Standards sogar verschärft hat. Wir wollen unsere loyalen Kunden mit unserem Auftritt, mit Kompetenz und Verbindlichkeit überzeugen. Von 4,4 Milliarden Euro Neugeschäft, die wir im ersten Halbjahr abgeschlossen haben, kommt eine Milliarde von Kunden, die wir neu gewonnen haben. Ich bin optimistisch, dass wir beim Neugeschäft das Niveau des Vorjahrs zumindest halten können. Das sehe ich als Erfolg.

„Wir wollen unsere loyalen Kunden mit unserem Auftritt, mit Kompetenz und Verbindlichkeit überzeugen.“

Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank

Die Verluste aus Schiffskrediten haben bisher alle Erfolge der HSH Nordbank zunichte gemacht. Die Lage dürfte sich allenfalls leicht entspannen. Was droht der Bank?
Stefan Ermisch: Die Lage an den Schiffsmärkten hat sich leicht entspannt, aber wir bleiben vorsichtig. Die Garantie, mit der unsere Eigentümer Verluste aus Altlasten abdecken, ist bilanziell ausgeschöpft und erfüllt ihren leidvollen Zweck.

Das heißt, dass weitere Verluste das Ergebnis der Bank direkt belasten.
Stefan Ermisch: In diesem Jahr planen wir mit einer Risikovorsorge von 800 Millionen Euro und peilen einen Vorsteuergewinn von 120 Millionen Euro an. Da geht es vor allem um Schiffskredite. Im kommenden Jahr erwarte ich hingegen kaum zusätzliche Belastungen.

Warum nicht?
Stefan Ermisch: Wir haben 60 Prozent der schwierigen Altfälle über die Risikovorsorge abgedeckt. Das ist die höchste Quote aller deutschen Banken. Außerdem hat sich der Markt zuletzt erholt, auch der schwächere US-Dollar gibt uns Rückenwind, weil viele Finanzierungen in Dollar abgeschlossen wurden. Dank der massiven Risikovorsorge und der guten Kapitalbasis sind wir endlich in der Lage, Altlasten forciert zu restrukturieren und Klumpenrisiken massiv abzubauen. Wenn wir die faulen Kredite in der Abbaubank bis Ende 2018 etwa halbiert haben, bleiben weniger als drei Milliarden Euro Schiffskredite. Alles, was nicht der Kernbank dient, wollen wir, so weit es geht, bereinigen. Damit erfüllen wir eine zentrale Forderung der EZB.

Wenn der Verkauf gelingt, muss die HSH Nordbank unabhängig von den Sparkassen werden. Die halten zwar nur einen kleinen Anteil an der Bank, sind aber trotzdem wichtig für die Finanzierung der Bank. Vor allem aber sind Einlagen der HSH Nordbank Kunden über die öffentlich-rechtlichen Banken abgesichert.
Stefan Ermisch: Wenn die Privatisierung gelingt und bis Ende Februar ein Kaufvertrag unterschrieben ist, wird die Stellung im alten und neuen Sicherungssystem bis zum Abschluss der Transaktion organisiert. Einen solchen Wechsel hat es bisher noch nie gegeben. Das wird ein sehr anspruchsvoller, aber machbarer Prozess. Alle Beteiligten haben ein großes Interesse daran, dass er gelingt.

Gibt es schon konkrete Pläne?
Stefan Ermisch: Wenn der erste Schritt gelingt und unsere Eigentümer einen Kaufvertrag abschließen, sehe ich niemanden, der den weiteren Fortgang torpediert. Alle Beteiligten werden den Weg wie bisher mit höchster Konzentration und Sorgfalt begleiten.

Auch die Sparkassen?
Stefan Ermisch: Alle Beteiligten werden ihrer Verantwortung gerecht. Bei allen arbeiten erfahrene Leute, die wissen, um was es geht.

Was passiert, wenn der Verkaufsprozess doch noch scheitert und die Bank abgewickelt werden muss?
Stefan Ermisch: Es gibt klare Gesetze, die das weitere Vorgehen regeln. Bisher sind sie noch nie angewendet worden, und wir wollen ganz sicher nicht die Ersten sein, die dieses Neuland betreten.

Das können Sie kaum selbst entscheiden.
Stefan Ermisch: Das ist richtig. Es wäre aber unverantwortlich, die Bank in ihrem jetzigen Zustand abzuwickeln. Für mich sieht das wahrscheinlichste Szenario so aus, dass die Eigentümer ab November die Angebote prüfen und dann Ende Februar einen Vertrag unterzeichnen. Danach folgt dann der anspruchsvolle Übergang der Bank in die private Welt. Für diese Chance haben wir lange und hart gearbeitet.

Werden Sie dann dabei sein?
Stefan Ermisch: Das wird der neue Eigentümer entscheiden. Ich würde zur Verfügung stehen.

 

 

Das Interview mit Stefan Ermisch erschien in der WirtschaftsWoche 43/13.10.2017

Autoren: Saskia Littmann, Cornelius Welp

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